Unter der Kutte des Schweigens – Sexueller Missbrauch in der Katholischen Kirche

Seit 2010 kommen immer mehr sexuelle Missbrauchsfälle in Verbindung mit der Katholischen Kirche in Deutschland ans Licht. Infolgedessen hat die deutsche Bischofskonferenz ein Verfahren zur materiellen Anerkennung des Leids der Opfer eingerichtet.

Erstmals wurde ein Missbrauchsfall in Zusammenhang mit der Katholischen Kirche in Deutschland 2010 bekannt, welcher sich am Canisius-Kolleg, einer Jesuiten-Schule in Berlin, ereignete. Es wurden Briefe öffentlich, die im Jahr 1981 von damaligen Schülern des Kollegs an den seinerzeit verantwortlichen Direktor geschrieben worden waren. In diesen berichteten jene Schüler von einer „seltsamen Sexualpädagogik“ der Schule. Dies habe sich beispielsweise darin geäußert, dass zwei Jesuitenpater der Schule Schülern wiederholt über Stunden hinweg auf deren nacktes Gesäß einschlugen und darüberhinausgehende sexuelle Gewalt ausübten. Kopien dieser Briefe wurden auch an den Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und Ordensobere der Jesuiten, Paolo Dezza und Giuseppe Pittau, versandt. Trotz der bekannten Vorwürfe sind diese erst 30 Jahre später im Jahr 2010 durch den Schulleiter des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, öffentlich kommuniziert worden.

Inzwischen sind immer mehr Meldungen von sexuellem Missbrauch innerhalb der Katholischen Kirche und deren Einrichtungen bekannt geworden. Daraufhin sah sich die Katholische Kirche gezwungen zu handeln. Auf der Bischofskonferenz im Jahr 2011 wurde ein Verfahren beschlossen, das der materiellen Anerkennung des erlittenen Leides dienen sollte. Entgegen dieses Beschlusses wurden mit den Jahren immer mehr Stimmen von Opfern laut, die trotz der zur Anzeige gebrachten Übergriffe keinerlei aktive Unterstützung oder Reuebekundungen vonseiten der Kirchenvertreter erfahren haben. So haben viele Geschädigte nicht nur immer noch das Gefühl, dass sie um ihr Leben betrogen worden seien, sondern darüber hinaus durch die Art des Verfahrens sogar re-traumatisiert worden sind. Unter anderem wurde angeführt, dass die von Seiten der Katholischen Kirche geäußerten Versprechen nicht gehalten worden seien bzw. die Höhe der angebotenen materiellen Entschädigungen in keinem Verhältnis zum Grad der erlittenen sexuellen Gewalt stünden.

Ausgehend von dieser Kritik und einer kontinuierlich ansteigenden Zahl von bekannt gewordenen Missbrauchsfällen wurde im November 2020 bei einer weiteren Bischofskonferenz ein neues Verfahren zur Anerkennung des Leides beschlossen. Dies sollte ein unabhängiges, einheitliches und transparentes Vorgehen im Sinne der Opfer mit Wirkung ab dem 01.01.2021 ermöglichen. Eine Reuebekundung und Verantwortungsübernahme vonseiten der Katholischen Kirche können die Geschädigten auch in diesem Verfahren jedoch kaum erwarten.

Nach wie vor steht immer noch die Frage im Raum, warum es im kirchlichen Umfeld zu einer extremen Häufung von Übergriffen kommt. Thesen gibt es diesbezüglich viele – unter anderem wird häufig das Zölibat als ursächlich genannt – und die Stimmen nach Stellungsnahmen von Mitgliedern der Katholischen Kirche mehren sich. „Es ist einfach eine Affenschande und völlig indiskutabel und unentschuldbar, dass solche Übergriffe unter dem Dach der Kirche geschahen und all das noch ins Vielfache gesteigert wird (unglaublich beschämend, den Kern der Kirche angreifend und zerstörend), indem die Täter geschützt und die Opfer oft ein zweites und drittes Mal – oder wie in Köln aktuell auch Jahrzehnte später re-traumatisiert wurden!“, sagt StD Georg Grimm, katholischer Religionslehrer am Gymnasium Hohenschwangau. Allerdings ist er nicht der Meinung, dass die Ursache allein im Zölibat zu suchen sei, da es auch in der Evangelische Kirche zu solchen Übergriffen gekommen ist. Er ist der Überzeugung, dass monokausale Erklärungen nicht reichen werden, um diese Übergriffe zu erklären. „Viele Tatsachen haben zu diesen geführt und uns ist nur im Geringsten klar, woran es gelegen haben könnte.“

Mit der Einführung des überarbeiteten Verfahrens gehen die Vertreter der Deutschen Katholischen Kirche einen Schritt in die richtige Richtung. Das Ziel muss aber die lücken- und schonungslose Aufklärung aller Verantwortlichkeit mit angemessenen Strafkonsequenzen sein, um dem erlittenen Leid der Opfer nur ansatzweise gerecht werden zu können und weitere Fälle in Zukunft zu verhindern.

Verfahren zur Anerkennung des Leids: Das Verfahren soll es den Opfern einfacher machen, Anerkennung und Gerechtigkeit zu erfahren. Für Betroffene hat die Deutsche Bischofskonferenz die einzelnen Schritte des Verfahrens auf ihrer Website veröffentlicht. Nähere Informationen findest du unter folgendem Link: https://www.dbk.de/themen/sexueller-missbrauch/informationen-fuer-betroffene#c5314